Anna

Plattform2025

Wie kann die Arbeit, die in kreativen Handlungen steckt, gemessen werden und wer darf sich den Luxus er.lauben, „Arbeit“ und „Kunst“ voneinander zu trennen.? In ihrer neuesten Installation verwandelt Anna Kawahara (lebt und arbeitet in Lausanne) diese Fragen in eine physische, fast architektonische Untersuchung. Die Arbeit mit dem Titel.......... /.Un moment pour me réapproprier mon autonomie (2025), die weder Bühne noch Skulptur ist, son.dern ein quasi-choreografisches Mittel, präsentiert zwei miteinander verwobene Realitäten. Auf der Vorderseite zeigt ein Monitor Handyaufnahmen der Künstlerin beim Sti.cken während ihrer bezahlten Schichten in einer Gelate.ria und einem Museum.–.ein performativer Akt, der beide Arbeitsorte in ein provisorisches Atelier verwandelt. Auf der Rückseite ist dasselbe teilweise fertige Textil zu sehen, das die monatlichen Ausgaben und Einnahmen der Künst.lerin in ihrer eigenen Handschrift exakt auflistet. Diese Bud.getierung ist keine blosse Requisite.: In den letzten zehn Jahren hat Kawahara konventionelle Terminplaner vermie.den und stattdessen ihre finanziellen Details und Kalender von Hand in Notizbücher geschrieben und ausgearbeitet.
Hier stickt sie diese Details für alle sichtbar ein.

Dieses Oszillieren zwischen Prozess und Produkt erinnert an die feministischen Interventionen der 1960er und 70er Jahre, in denen handwerkliche Praktiken häufig eingesetzt wurden, um geschlechtsspezifische Hierarchien in der Kunstproduktion in Frage zu stellen. Doch Kawaha.ras Geste ist weder nostalgisch noch rein politisch. Sticke.rei funktioniert hier als Lebensform.: mobil genug, um der Künstlerin an verschiedene Orte zu folgen und gleichzeitig flüchtig genug, um abgelegt und wieder aufgenommen zu werden. Das japanische Sprichwort..... (frei über.setzt.: „Nutze die freie Zeit“) schwebt über ihrer Arbeit und unterstreicht, wie schnell im Spätkapitalismus jeder Augen.blick zu einer knappen Ressource wird. Michel de Certeaus L’invention du quotidien (1980) hat Kawaharas Denken im vergangenen Jahr geleitet, insbesondere in Bezug auf Auto.nomie und die subtilen Taktiken, die angewendet werden können, um das eigene Leben unter kapitalistischem Druck wieder „zurück zu gewinnen“. Obwohl ihre Arbeit von Pre.karität spricht, positioniert sich Kawahara nicht als Opfer, sondern verkündet vielmehr ein hoffnungsvolles Durchhal.tevermögen. Selbst wenn sie ihre Budgetbeschränkungen und damit ihre Abhängigkeit von verschiedenen Formen der Arbeit offenlegt, deutet sie an, dass Humor, Zusammenarbeit und Transparenz neue Solidaritäten schaffen können. Nur wenige Künstler*innen geben in Ausstellungsräumen bereit.willig über ihren Brotjob Auskunft, doch Kawahara hofft, mit ihrem Projekt einen Dialog anzuregen, um offen über die wirtschaftlichen Realitäten kreativer Arbeit zu sprechen.

Besucherinnen können dieses Werk als eine ehrliche Autobiografie wahrnehmen, als einen persönlichen Einblick in das Gleichgewicht zwischen Kunstschaffen und wirt.schaftlichen Verpflichtungen. Indem die Künstlerin die Stickerei, ein traditionell weibliches Handwerk, in ein kri.tisches Werkzeug der Selbstreflexion und des Einfallsreich.tums verwandelt, bietet Kawahara eine bescheidene, aber starke Vision davon, wie künstlerische Produktion die kapi.talistischen Strukturen, auf die sie angewiesen ist, sowohl nutzen als auch überwinden kann. Wenn.......... / Un moment pour me réapproprier mon autonomie als Spie.gel fungiert, dann nicht nur für Künstlerinnen, sondern für alle jene, die mit dem Druck zu kämpfen haben, über die Runden zu kommen. Die beiden Seiten der Konstruktion sind nicht nur wortwörtliche Oberflächen, sondern auch konzep.tionelle Kanten, die uns daran erinnern, dass hinter jedem Akt des Schaffens die Arbeit des Lebens steht und keine der beiden Aktivitäten isoliert betrachtet werden kann.

Jack Pryce (Aus dem Englischen übersetzt)